Wort-Tanz

  

Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude.


Friedrich Hebbel (1813-1863),

deutscher Dramatiker und Lyriker

 

 


 

 

Der Frühling kommt bald


Herr Winter,
geh hinter
der Frühling kommt bald!
Das Eis ist geschwommen,
die Blümlein sind kommen
und grün wird der Wald.

Herr Winter,
geh hinter,
dein Reich ist vorbei.
Die Vögelein alle,
mit jubelndem Schalle,
verkünden den Mai!

 

Christian Morgenstern (06.05.1871 - 31.03.1914),

Dichter, Schriftsteller und Übersetzer

 

 


 

 

Mein Tanzlied

 

Aus mir braust finstre Tanzmusik,
Meine Seele kracht in tausend Stücken;
Der Teufel holt sich mein Mißgeschick,
Um es ans brandige Herz zu drücken.

Die Rosen fliegen mir aus dem Haar
Und mein Leben saust nach allen Seiten,
So tanz ich schon seit tausend Jahr,
Seit meiner ersten Ewigkeiten.

 

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945), deutsch-jüdische Dichterin,

Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Kleist-Preis 1932

 


 

 

Der Frühling


Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

 

Friedrich Hölderlin (1770 - 1843), deutscher Lyriker

 


 

 

 Vom Osten streift ein Frühlingswind
uns wie im Vorübergehen,
daß im Pokal auf dem grünen Wein
winzige Wellen entstehen.
Da sind die Blüten, von Wirbelgewalt
entführt, zu Boden gegangen.
Mein schönes Mädchen ist trunken bald
mit ihren geröteten Wangen.
Am blauen Faden der Pfirsichbaum
weißt du, wie lange er blüht?
Ein zitterndes Leuchten ist es, ein Traum:
Er täuscht uns nur und entflieht.
Komm, auf zum Tanz!
Die Sonne verglüht!

 

Li-Tai-Po (701 - 762),

eigentlich Li Taibai, auch: Li Tai-pe, Li Bo, Li Taibo, Li T'ai-po, T'ai-po Li,

chinesischer Dichter, bedeutendster Lyriker seiner Zeit

 


 

 

Ich lobe den Tanz

 

Ich lobe den Tanz,
denn er befreit den Menschen
von der Schwere der Dinge
bindet den Vereinzelten
zu Gemeinschaft.

Ich lobe den Tanz
der alles fordert und fördert
Gesundheit und klaren Geist
und eine beschwingte Seele.

Tanz ist Verwandlung
des Raumes, der Zeit, des Menschen
der dauernd in Gefahr ist
zu zerfallen ganz Hirn
Wille oder Gefühl zu werden.

Der Tanz dagegen fordert
den ganzen Menschen
der in seiner Mitte verankert ist
der nicht besessen ist
von der Begehrlichkeit
nach Menschen und Dingen
und von der Dämonie
der Verlassenheit im eigenen Ich.

Der Tanz fordert
den befreiten, den schwingenden Menschen
im Gleichgewicht aller Kräfte.

Ich lobe den Tanz.

O Mensch
lerne tanzen,
sonst wissen die Engel
im Himmel mit dir
nichts anzufangen.

 

Augustinus Aurelius (354 - 430), Bischof von Hippo, Philosoph, Kirchenvater und Heiliger

 


  

 

Wir sind gekommen, um getanzt zu werden

 

Wir sind gekommen, um getanzt zu werden
Nicht den hübschen hübschen sieh mich nimm mich Tanz
Sondern den Heiligen, den sinnlich animalischen Tanz
Der alles aus den Angeln hebt,
Den lass die Katze aus dem Sack Tanz
Den halte den kostbaren Augenblick in den Handflächen und Füssen Tanz.


Wir sind gekommen, um getanzt zu werden
Nicht den tauben, tölpeligen wackel mit dem Arsch für ihn Tanz
Sondern den wring die Trauer aus unserer Haut Tanz
Den schubst die Laus von der Leber Tanz
Den schlag aus unseren Schultern die Entschuldigung, dass ich da bin Tanz
Wir sind gekommen, um getanzt zu werden
Nicht den affenblöden Nachmachtanz
Ene mene mu ich tanz wie du
Ene mene stich du tanzt wie ich Tanz
Sonder den Grabräuber, den Friedhofsschänder
Den Krustenabfetzer und Wundenaufreisser Tanz
Den reib den Rhythmus roh an unsere Seele Tanz.


Wir sind gekommen, um getanzt zu werden
Nicht den netten unsichtbaren, gehemmten Schieber
Sondern den filzhaarfliegenden Voodoomama
Schamanen Alteknochenschütteltanz
Den lös uns von der Schalung, gib uns die Flügel zurück Tanz
Den schärf unsere Krallen und Zungen Tanz
Den schupp tote Zellen ab und schlüpf in
Die leuchtende Haut der Liebe Tanz.


Wir sind gekommen, um getanzt zu werden
Nicht den wir halten den Atem an und suhlen uns auf
Der sicheren Seite des Raumes Tanz
Sondern den hier kommt die Dreifaltigkeit Körper,
Atem und Beat Tanz
Den sing Halleluja vom Scheitelpunkt unserer Schenkel aus Tanz
Den Mama darf ich?
Den ja du darfst 10 Riesensprünge machen Tanz
Den acht, neun zehn, Achtung! Ich komme
Den jeder darf in unseren Himmel kommen Tanz.


Wir sind gekommen um getanzt zu werden
Wo in der Kathedrale des Fleisches
Königreiche zusammenstossen
Um ins Licht zurückzubrennen
Um zu entwirren, zu spielen, zu fliegen, zu beten
Um zu wurzeln im Hautheiligtum


Wir sind gekommen, um getanzt zu werden
WIR SIND GEKOMMEN

 

Jewel Mathieson

 


 

 

Tanzt

 

 Tanzt,
 tanzt,
tanzt
ins unbekannte Ich,

Rhythmus balanciert das Sein,
Tanz versenkt die Umgebung,
Tanz sprengt alle Persönlichkeiten,
jeder im Raum spürt dich.


Michael Beisteiner (*1977), österreichischer Lyriker, Aphoristiker, Schriftsteller, Texter und Gitarrist

 


 

 

Vom Zauber des Wildfräuleins


Einst verlief ich mich tief im düstersten Wald
Auf der Suche nach jedwegem Pfad
Und als mir die Hoffnung verloren schon galt
Ich doch bald eine Lichtung betrat
Dort spielte das Licht auf dem wiegenden Gras
Und inmitten von Blüten und Farn
Ein Wildfräulein schön wie ein Frühlingstag saß
Vom Zauber der Welt angetan
Sie sprach: Sei nicht traurig und lausche dem Wind.
Alles fließt, alles treibt, alles hat seine Zeit.
Vergiss nie, dass wir Kinder des Augenblicks sind!
Der Moment hält ein Leben grad eben bereit!
Und willst du es hören so sag ich dir:
Wenn du gehen willst, geh.
Wenn du bleiben willst, bleib.
Wenn du tanzen willst, tanze mit mir!
Ihre Augen so lieblich, wie Veilchen so blau,
Ihr Lächeln die sinnlichste Wonne
Ihre Haut war wie Schnee, roch nach Honig und Tau
Und ihr Haar glich den Strahlen der Sonne
Am zierlichen Leib trug sie nichts als ein Kleid,
Fein gewebt aus Jasmin und Narzissen.
Und sie zog mich hinab, mir vergangene Zeit
und die Tränen vom Munde zu küssen.
Und sie sprach: Sei nicht traurig und lausche dem Wind.
Alles fließt, alles treibt, alles hat seine Zeit.
Vergiss nie, dass wir Kinder des Augenblicks sind!
Der Moment hält ein Leben grad eben bereit!
So gab ich mich leicht ihren Armen dahin,
sank hinab in des Wildfräuleins Schoß
Und tröstend verwehte mir Sorge und Sinn
Auf dem Lager aus Blüten und Moos.
Ich träumte von Sommern und Wintern die fliehn
Und die Wirklichkeit um mich zerfloss
Und ich träumte von Jahren, die ohne mich ziehn
Während ich ihre Liebe genoss.
Und als ich dann endlich die Augen aufschlug
War ich greise dem Tode schon nah.
Und das Wildfräulein, das mir mein Leben vortrug,
Strich mir lächelnd und zärtlich durchs Haar.
Und sie sprach: Sei nicht traurig und lausche dem Wind.
Alles fließt, alles treibt, also halt dich bereit!
Mancher Augenblick flieht, wie ein Leben geschwind
In dem Zauber des Wildfräuleins und seiner Zeit.
Und willst du es hören, so sag ich dir:
Wenn du weinen willst, wein!
Wenn du schreien willst, schrei!
Wenn du tanzen willst, tanze ein letztes Mal mit mir!
Und ich hauchte: Was soll ich denn weinen noch schrei'n?
Wäre ich in der Blüte der Jugend noch hier,
Würd ich für ein Augenblick solchen allein
Gern mein Leben ein zweites Mal geben.

Malte Hoyer, Songwriter bei Versengold